Aus Grau mach‘ Grün

Firmen nutzen Ökostrom-Nachweise, um ihre CO2-Emissionen herunterzurechnen. Der DIHK will diese Möglichkeit ausweiten – Umweltverbände sind entsetzt

Was den Einsatz grüner Energien angeht, steht die Telekom auf den ersten Blick gut da: “Seit 2021 decken wir unseren Stromverbrauch konzernweit zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien”, berichtet der Konzern. Erst auf den zweiten Blick fällt eine weniger schmeichelhafte Zahl ins Auge, die “ortsbezogenen” CO2-Emissionen: Sie stiegen von 2019 auf 2020 um satte 40 Prozent und betrugen im vergangenen Jahr immer noch über 4,6 Millionen Tonnen.

Klimaneutral, obwohl der Konzern jede Menge Treibhausgase in die Luft bläst? Eine wichtige Rolle bei diesem Zahlenzauber spielen sogenannte Herkunftsnachweise. Mit ihnen können sich Unternehmen zu vertretbaren Kosten grün rechnen. Auch Stromversorger, die ihren Kunden Ökostrom verkaufen, setzen zum Teil auf diese Papiere. Der private Stromkunde freut sich über die vermeintlich regenerative Energie aus der Steckdose. Aber was er verbraucht, ist anteilig Kohle, Gas- oder Atomstrom, so wie sein Nachbar auch, der einen anderen Tarif gebucht hat.

Zulässige Schummelei

Die kreativen Bilanztricks sind vollkommen legal (siehe unten). Möglich macht sie das europäische System der Herkunftsnachweise für Grünstrom. Jetzt soll es in Deutschland womöglich sogar erweitert werden. Mehr Firmen als bisher sollen sich an dem nationalen Nachweisregister anmelden können – so fordert es der Deutsche Industrie- und Handelskammertag DIHK . Demnächst startet außerdem die Leipziger Strombörse EEX den Handel mit Nachweisen. Auch das dürfte das Geschäft mit den Papieren beflügeln.

 Im Umweltbundesamt sind sie nicht wirklich glücklich über das internationalen CO2-Geschacher. Die Rede ist mehr oder minder unverblümt von einer Marketing-Show deutscher Firmen, ohne, dass die Umwelt profitiere. Es sei nicht zielführend, die Nachweise ohne weitere Maßnahmen für CO2-Bilanzen einzusetzen, heißt es.

Ähnlich sehen es Interessenverbände aus dem grünen Spektrum. Der Bundesverband Erneuerbare Energien fordert, dass die CO2-Bilanzen wieder eng an die tatsächlichen, Stromlieferungen gekoppelt würden. Dann entstünde Druck auf den Markt, heißt es – sprich: Wer Grünstrom wolle, müsse sich auch tatsächlich um Leitungen und Verträge mit Anbietern vor Ort kümmern. 

Die Deutsche Umwelthilfe DUH befürchtet einen “Dammbruch”, würden die bestehenden Regeln gelockert. Die Organisation führte im vergangenen Jahr eine Umfrage bei 66 deutschen Konzernen durch, um herauszufinden, wie viel erneuerbare Energie die Firmen tatsächlich einkauften. Nur ein Drittel antwortete auf die Fragen – und selbst bei diesen Unternehmen, so die DUH, zeigte sich zum großen Teil eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Versprechen, klimafreundlich zu wirtschaften und dem real verbrauchte Energiemix.

Das Grundproblem: Firmen fehlt Grünstrom

Der DIHK argumentiert gegensätzlich.  „Die Hälfte unserer Mitgliedsunternehmen wollen bis 2040 klimaneutral werden”, sagt Sebastian Bolay, Referatsleiter Energiepolitik beim DIHK. “Allerdings steht zu befürchten, dass es in Deutschland absehbar für diese Firmen nicht genügend Grünstrom geben wird.” Deswegen, so seine Forderung, sollten auch Ökostromerzeuger die vom EEG profitieren, Herkunftsnachweise bekommen und verkaufen dürfen. Um Kosten zu sparen und bürokratische Hürden zu schleifen will es Bolay am liebsten es auch anderen Firmen als den Energieversorgern erlauben, ein Konto im Nachweisregister einzurichten. Im Umweltbundesamt stoßen diese Vorschläge, milde gesagt, auf Skepsis. Die Entscheider der Behörde warten jetzt erst einmal auf die Ergebnisse der in Auftrag gegebenen Studie. 

Strenggenommen sind Firmen natürlich nicht auf die Zertifikate angewiesen. Theoretisch könnten sie etwa Lieferverträge mit Windparks abschließen, um Emissionen zu sparen, sagt ein Energieberater, der für Großunternehmen arbeitet. Denkbar sei auch, CO2-Emissionszertifikate zu kaufen und zu löschen. “Aber das sind vergleichsweise umständliche und teure Wege zur Klimaneutralität auf Unternehmensebene.” Die Kompensation über CO2-Zertifikate laufe auf das 10-Fache der Kosten hinaus, die für Herkunftsnachweise anfallen. Ähnlich teuer werde es, wenn ein Unternehmen über Partnerunternehmen beispielsweise Bäume pflanzen lassen, um seinen CO2-Fußabdruck auszugleichen. Dass Firmen vor diesem Hintergrund lieber den schnellen Weg übers Nachweisregister wählten, sei wenig überraschend – und werde so bleiben, solange der Gesetzgeber diesen Weg ermögliche.

So funktionieren die Herkunftsnachweise

Ihren Anfang nahmen die Herkunftsnachweise 2001. Sie sollen eine Schwäche  des internationalen Strommarktes kompensieren. In der Praxis ist es unmöglich, den Weg eines Elektrons vom Kraftwerk bis zum Hausanschluss nachzuverfolgen. Um Transparenz für den Endverbraucher herzustellen, schufen die Brüsseler Experten eine Art Geburtsurkunde für grünen Strom. 

Die Nachweise funktionieren unabhängig von den physischen Leitungen, durch die der  Strom fließt. Speist beispielsweise ein deutscher Betreiber eines Wasserwerks Ökostrom ins Netz, schreibt ihm das Umweltbundesamt in seinem Register Herkunftsnachweise gut. Der Windpark kann die Nachweise an ein Stadtwerk verkaufen. Dieses verwendet die Papiere um seinen Strommix oder auch nur bestimmte Tarife ökologischer darzustellen. 

Vom Handel ausgenommen sind in Deutschland Stromlieferungen aus Anlagen, die früher über die EEG-Umlage und mittlerweile aus dem Bundeshaushalt gefördert werden. Die Begründung: Die öffentliche Förderung der erneuerbaren Energien wird bereits im örtlichen Strommix abgebildet. Und die Allgemeinheit beziehungsweise die Stromkunden sollen nicht zweimal für ein und dieselbe Photovoltaik- oder Windkraftanlage zur Kasse gebeten werden. 

Diese Auffassung vertritt jedenfalls das Umweltbundesamt. Die Behörde muss in Deutschland das nationale Nachweisregister führen und scheint nicht wirklich glücklich mit dieser Aufgabe. Denn das scheinbar simple System folgt in der Praxis verworrenen Regeln. Der wichtigste Widerspruch ist das Nebeneinander von orts- und marktbasiertem Ansätzen bei der Bilanzierung der CO2-Emissionen.  Beides ist zulässig. Die ortsbasierte Rechnung gibt wieder, was tatsächlich in einem Land produziert wird. So weist Norwegen für 2021 in seiner nationalen Statistik einen Anteil von stolzen 91,5 Prozent Wasserkraft für seine Stromerzeugung aus. Auf der internationalen Bilanz der EU-Herkunftsregister erscheint das grüne Paradies dagegen als mäßig ökologisch. Dort wird für Norwegen ein Ausstoß von über 300 Gramm CO2 pro produzierter Kilowattstunde angegeben. 

Der Schmuddelmix entsteht auf dem Papier, weil unter anderem deutsche Unternehmen in großem Stil Herkunftsnachweise für norwegischen Strom aus Wasserkraft kaufen, um sich für ihre umweltbewusste Kundschaft aufzuhübschen. Im Gegenzug ändert norwegischer Strom seine Farbe von grün zu grau, allerdings nur in der marktbasierten Bilanz. Und für dieses Zahlenwerk interessieren sich in der Praxis weder Anleger noch Wähler oder Konsumenten.


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