Keine Lehrer, keine Klassen – VW unterstützt Programmierschule “42Wolfsburg”

Soll er von Schülern reden, von Studenten – oder doch besser von Kollegen? Ralph Linde, Chef der VW Group Academy entscheidet sich am Ende für “Menschen”. 600 junge Menschen, sagt er also, sollen im nächsten Mai in Wolfsburg ein außergewöhnliches Studium beginnen. Zusammen mit der französischen Akademie “42”, einem global tätigen gemeinnützigen Bildungsprojekt aus Frankreich, startet VW einen Lehrgang für Programmierer. 

Die Bezeichnung “42” spielt auf eine legendäre Episode aus der Romanreihe “Per Anhalter durch die Galaxis” an. Gefragt, was der Sinn des Lebens sei, rechnet ein Computer Millionen Jahre und spuckt dann die nebulöse Antwort aus – “42”. Seitdem kann die Zahl als Symbol für unkonventionellem witzige  Herangehensweisen an komplexe Herausforderungen gesehen werden.

Bei einer der zahlreichen weltweiten “42”-Akademien  kann sich jeder bewerben, egal, ob er Abitur hat oder nicht. Er muss nur lernfähig sein und das in einem Auswahlverfahren unter Beweis stellen. Lehrer gibt es an der Software-Uni keine, stattdessen lernen die Studenten in Gruppen selbstbestimmt drei bis fünf Jahre lang an verschiedenen Aufgaben. Einen offiziellen Abschluss erwerben sie nicht – brauchen sie auch nicht, sagt Linde. Die allermeisten Teilnehmer der Programmierschule werden von der Industrie abgeworben, bevor sie sämtliche vorgesehenen “Levels” absolviert haben. Studiengebühren gibt es keine, allerdings müssen die Studenten selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen. 

Vollkommen selbstlos ist das Engagement von VW nicht. Der Konzern  braucht dringend IT-Kräfte. Bis 2025 will er 11.000 Experten für seine neue Einheit car.software.org  gewonnen haben, sei es aus den eigenen Reihen oder von außerhalb. 

Volkswagen hat die nötigen Milliarden, um sein ehrgeiziges Projekt, den Bau einer vollkommen neuen Software-Architektur fürs Auto, durchzuziehen. Aber es fehlt ihm an Fachwissen. Die meisten Konzernverantwortlichen kommen aus dem Fahrzeugbau, selbst der neue Chef von Car.Software.Org, Dirk Hilgenberg, ist in erster Linie Produktions-Experte. 

Dabei beruht der Erfolg wichtiger Player in der Softwarebranche vor allem darauf, wie sie die Kreativität ihrer Beschäftigten orchestrieren. Wer die gängigen Arbeits- Führungs und Kommunikationsmethoden der Coder, die auf Außenstehende manchmal fast sektiererisch wirken, nicht  im Schlaf beherrscht, wird wahrscheinlich Milliarden an Arbeitskosten verbrennen, aber keine Ergebnisse liefern. Diese Lücke in seinem Personaltableau muss VW dringend schließen. 

Deswegen also die Ausbildungs-Offensive. Mit seiner “Fakultät 73” hat Volkswagen bereits eine eigene Talentschmiede, die jetzt durch “42Wolfsburg” ergänzt wird. Die Studenten gehen keinerlei Verpflichtung ein, nach der Ausbildung bei VW zu arbeiten. Gunnar Kilian ist sich aber sicher, dass sich die in die Schule investierten Millionen auszahlen werden. “Wir glauben schon”, sagt er, “dass es hochspannend ist bei VW zu arbeiten”. Dass “42Wolfsburg” nebenbei dazu beiträgt, Talenten aus sozial schwächeren Schichten den Weg zu einem gutbezahlten Job zu ebnen, dürfte dem IG-Metaller nur recht sein.